laut.de-Kritik
Retro ist das neue Neo-Soul.
Review von Philipp KauseDiese Stimme ist das vollendete Gegenteil dessen, was man für eine Casting-Group auserwählen oder mit K.I. nachahmen könnte: So rough, gebrochen und mitunter vernuschelt-undeutlich in der Aussprache, wie sich Baby Rose auf "Yearnalism" auslässt, kontrastiert sie sogar ihr eigenes Artist-Pseudonym. Weder strahlt sie die Niedlichkeit eines Babys aus, noch die Symbolik einer Rose. Baby Roses Vocals sind zwar 'vintage', im schmerzensreichen und opulenten Trennungsstück "When I'm Gone" gar fragil, zitternd, vibrierend, auch ätherisch zum Teil. Dann aber holt sie zur Steigerung aus, es fällt das Wort "motherfucking".
Im Allgemeinen hat dieser Gesang sogar ein bisschen das Individuelle einer Etta James. Aber Roses Vocals mit ihren Ecken und Kanten, Haken und Ösen laufen völlig geschmeidig an der meist unaufdringlichen, geschmackvollen Instrumentierung entlang. 'Kontra-Alt', so nennt die Plattenfirma die Tonhöhe. Wenn sie in "Believe Me" auch mal richtig tief und rau die Oktaven herunter rutscht, hört sie sich besonders magisch an.
Die Phrasierung ergibt sich aus dem Konzept-Schema der Scheibe, Nihilismus, Gleichgültigkeit in Gefühls-Angelegenheiten, in denen Dates nur mehr über Apps zustande kommen und über eben solche Adieu gesagt wird, falls man dafür noch die Energie investiert. Liebe als Macht- und Kräftespiel stellt sich im wunderschönen Zusammenklang mit der Stimme eines jungen DefJam-Kollegen in "Is This Love ft. Elmiene" dar. Der Tinder-Lifestyle tritt in den Widerstreit mit den weniger bewusst gemachten Verletzungen, überhaupt mit Verletzlichkeit anstelle von Posen, Coolness und überspielter Unsicherheit. "Sunday, it was made for smiling / it was made for listening / for dancing in my kitchen", romantisiert das Alter Ego, das solche Erwartungen niemals dem Datepartner gegenüber offen ansprechen würde, denn man muss ja cool, digital, erwartungslos bleiben, sollte gar nicht signalisieren, dass man Zeit hat. Nur der Gitarre kann man solche Wünsche getrost anvertrauen - in "Sunday". Schließlich auch einem Chor und Streichorchester.
Sängerin und Orchester, so galt es in den klassischen Tagen des Easy Listening-Vocal Jazz, aus denen auch Kollegin Celeste ihre Inspiration schöpft, müssen nicht zwingend in der gleichen Intensitätsstufe musizieren. Das Orchester mag dick auftragen, die Vokalistin auf intim-Modus schalten, oder umgekehrt. Das Prinzip gilt auch hier, aber beide Seiten bilden ein organisches Ganzes. Spezifisch die Schlussnummer "Jasmine's Sonnet" - das Sonett ist eine barocke Gedichtform - greift den Celeste-Charts-Trend auf, gleitet symphonisch durchs String-Arrangement. Schnell hat man ihr "This Is Who I Am" dann wieder im Ohr.
"But, Nvm", kurz für 'never mind', erbt auch 70er-Soft Soul, das selbstzweifelnde "The Reason" noch etwas verschnörkelter. Ohne ein bisschen 'Neo' zu sein. "All My Love" reproduziert auch die smoothen Basslines aus der Sade- und Anita Baker-Ära Mitte der Eighties. Wie auch bei anderen Newcomerinnen der letzten Jahre, zum Beispiel Brooke Combe und Ina Forsman ist pures, analog-warm-raumklingendes Retro nunmehr der neue Neo-Soul. Dafür sorgen auch massive Schlagzeug- und Akustikgitarren-Präsenz, Jasmine 'Rose' Wilson begnügt sich nicht mit ein wenig platzhalterischen Plug-Ins, lässt es lieber knackig klingen.
Alles in allem entsteht trotz aller Differenzierung hinsichtlich der Zutaten dann doch ein höchst geschmeidiger Sound. Und der Wettkampf zwischen Instrumenten und Vocals, was die Songs dominiert, endet in einem Patt.


1 Kommentar
„Dann aber holt sie zur Steigerung aus, es fällt das Wort "motherfucking".“
Schockschwerenot!