laut.de-Kritik
Open-minded Unterwasser-Sound zwischen den Stühlen.
Review von Philipp KauseWie unter einem dampfenden Mantel blubbern und verschwimmen die folkigen und die electro-smoothen Zutaten zu Dua Salehs Zweitling "Of Earth & Wires". Obschon das Cover eine trockene Landschaft zeigt, wähnt man sich beim Anhören als Zeuge einer U-Boot-Fahrt. So wie die Abmischung des eigenwilligen Stil-Gebräus wie unter Wasser aufgenommen klingt, so geheimnisvoll fühlt sich die Platte auf eine Art an.
Andererseits herrschen auch luzide Klarheit und lebhafte Verspieltheit. Hierfür setzte sich Bon Iver-Nukleus Justin Vernon damit auseinander, was Saleh sagen will: Was passiert, wenn wir alle mit K.I. verkabelt sind? Wenn die "Wires" im Albumtitel nicht dazu dienen, Menschen miteinander zu vernetzen, sondern sie von sich selber zu entfremden? Diese Angst ergründet Dua in einem an Drum'n'Bass, Ambient-Folk, Prince-Funk und Hyperpop geschulten R'n'B, behandelt apokalyptische Gefühle angesichts rasch vordringender Anwendungen künstlicher Intelligenz in vielen Apps und der jüngsten Nachrichten von Krieg und Vertreibung - zum Beispiel in der Darfur-Region ihres Heimatstaates Sudan.
Dua Saleh kombiniert Lo-Fi-Ästhetik mit Hip Hop-ähnlicher Beat-Machart, mainstreamige Eingängigkeit mit reichlich verschrobener Kunst-College-Dissonanz. Es gibt einen Tune, "I Do, I Do", der hat gewisse Ähnlichkeit mit einer in Nordamerika Ende der 2010er vor Corona verbreiteten Urban-Pop-Spielart, wandelt auf den Spuren von Julia Michaels "Uh Huh" oder "Little Did I Know"; auch die Kanadierin Jessie Reyez, speziell deren Mini-Hit "Figures", tönt in der Nähe.
Mehr dem Hip Hop zugetan zeigt sich Dua im gleichmäßigeren "1999"-verwandten "Firestorm", das der Erde im Titel und dem Wasser in "Flood ft. Bon Iver" und im gesamten Album-Sound noch ein ganz anderes Element, das Feuer, thematisch hinzufügt. Denn "Firestorm" handelt von den Waldbränden um und in Los Angeles, die auch Thomas Gottschalks Hab und Gut in seiner Villa in Asche verwandelten. "B r e a t h e" ergänzt das Ringen um Luft, während zuckersüße Bounce-Beats zur summenden E-Orgel sanft dröhnen. Mit diesem Bezug zu planetarischen Elementen will Dua Saleh darauf aufmerksam machen, wie manche Bevölkerungen aus verschiedenen Gründen Lebensräume verloren gehen und sie ihre Behausung und Heimat aufgeben müssen.
Die konsistente Atmosphäre, wie sich jetzt alle Tracks stringent an einem Faden aufreihen, mit dem teils gepfiffenen "All Is Love ft. Aja Monet" als Höhepunkt, saugt einen beim Hören magnetisch von einem Track in den nächsten; die Reihenfolge sitzt wie angegossen. Mal stolpernd polyrhythmisch, mal fragmentarisch mit Track-Abbrüchen, arbeitet sich Justin Vernon als Impulsgeber von den Basketball-Kickdrums in "Keep Away ft. Bon Iver" mit hübscher Choral-Hook und klirrenden Momenten zum zart-schlummrigen "Glow ft. Bon Iver" vor, einem Stück Neo-Soul mit Falsett-Vocals.
Die zweite Hälfte der Platte ist insgesamt geprägt durch den Blick auf die eigene Gesundheit und Wahrnehmung. Während "Keep Away ft. Bon Iver" um einen ruhigen Augenblick für sich selbst bittet, berichtet "Anemic ft. Gaidaa" von Blutarmut und einer Fahrt ins Krankenhaus. "All Is Love ft. Aja Monet" tänzelt gelassen zwischen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) und "synesthesia, colorful visions of you in my head", eine Verknüpfung von Tönen und Farben im Kopf, von der uns die Kollegin Alessia Cara letztes Jahr Genaueres erzählte.
"Of Earth & Wires" hört sich manchmal so an, als wäre ein Strumpf über die Gitarren-Saiten gestülpt. Und als benötige Dua die Musik in erster Linie, um vorhandene Texte damit zu unterlegen, als reine Rhythm'n'Poetry. Freistehende Phasen gönnt Dua Saleh den Instrumenten nicht. Endet das, was sie zu erzählen hat, stoppt auch abrupt der jeweilige Track.


Noch keine Kommentare