laut.de-Kritik
Die Uncs werden es nicht mögen.
Review von Yannik GölzDie internationale Rapgemeinde wartet schon eine Weile auf eine messianische Figur. Irgendeinen Untergrund-Typen, der die neue Leuchtfigur hergibt. Das, was Juice WRLD hätte sein sollen, das, was Pop Smoke hätte sein sollen. Irgendjemand, der der neue große Sound-Typ und Album-Artist sein könnte.
Das Problem: Auf der Jagd nach dem Saviour ist es ein lukratives Business geworden, diese Rolle überzeugend anzuskizzieren. Es gibt genug kleine Artists, die ihre Songtitel seltsam formatieren, ulkiges Zeug zusammensamplen und dann mysteriöse Fotos drankleben. Viele von diesen Leuten kommen und gehen, spätestens, wenn es wirklich an der Zeit ist, dieses Album zu droppen, das beweist, dass man mehr als ein Gimmick ist. Dann merkt man doch schnell, was Substanz hat - und wer nur ein paar mal zwischen den generischen Tracks den Albumnamen mit Echoeffekt sagt.
Fakemink war ein Premium-Spekulationseffekt. Live unterwegs mit Drake, auf den großen Hits von seinem fellow UK-Megastarter EsDeeKid, gecosignt von Frank Ocean?! Und dann hatte er noch Tracks wie "Easter Pink", das sich diegetisch und gewinnbringend zwischen all den aktuellen Ideen der Rap-Mikrogenres bewegt, um daraus ein größeres Ganzes hervorzubringen. "The Boy Who Cried Terrified ." war schon eine solide Aufwärm-EP - jetzt ist das ganze Album da. Und "Terrified ." zeigt: Wenn Fakemink für den Superstar vielleicht schlicht zu weird ist, ein Kultheld steckt in dem Kerl allemal.
Dabei muss ich sagen: Ich hab das Konzept dieses Projektes am Anfang mal so gar nicht gecheckt. Das Album heißt "Terrified ." und hat spooky Sounds links und rechts, so weit, so klar. Und dann rappt er die ganze Zeit Sachen wie: "I'm terrified, so I'm celebrating / Celebrating, celebrating / I'm terrified, and I feel amazing" ("All Eyez On Me"). Erst der Doppel-Whammy "Like A Virgin" und "Jungle Affair ." haben Licht ins Dunkle gebracht.
Fakemink ist richtig gut darin, diesen Anfang-Zwanzig-Vibe einzufangen. Und zwar deswegen, weil er völlig übertreibt, wie deep das alles ist. Der Spoken Word-Interlude "Jungle Affair ." zeichnet dieses Bild von teuren Parfüms und Partys auf Hotelzimmern. Es macht Film Noir-Aufnahmen von Clubs um halb drei und endet dann mit der Line "I am sorry, my dear, but I must leave you in this jungle Hell".
"Terrified ." bläst die Idee, gut angezogen in den Club zu gehen, zu einem biblischen Epos auf. Unter Himmel und Hölle und Dantes Inferno macht der Kerl es nicht. Jeder Hook-Up, jeder Kontakt, jede Afterhour wird mit Allure und Finsternis aufgeladen, wie es zuletzt ein The Weeknd zu "Trilogy"-Tagen geschafft hat. Die anhaltende Horror-Motivik lässt diese Parties ehrlich so viel aufregender wirken, als man ihnen je zugetraut hätte.
Und das liegt fairerweise nicht unbedingt an Minks Performance als MC. Man muss ihm lassen: Er weiß, wie er sich zu verkaufen hat. Man spürt die große Dean Blunt-Liebe darin, wie glitchy und aus dem Mix sprengend die Stimme in den Audios sitzt. Er aurafarmt also quasi mit simplen Mitteln und verlässt sich darauf, dass seine polarisierende Stimme cool genug kommt. Aber natürlich ist Fakemink weder krasser Rapper noch krasser Lyricist, sondern eher ein Kurator für das Gesamtprodukt.
Und das kommt natürlich vor allem über die Beats - die er aufregenderweise auch selbst macht! Sparen wir uns die Genre-Aufschlüsselung. Jerk, Cloud-Rap, Plugg, Rage? Weiß der Teufel, alles ein bisschen. Mehr als alles andere klingt "Terrified ." trippy und klaustrophobisch. Die spannendste offensichtliche Farbpalette, auf die er sich bezieht, ist der Witch House, der langsam genau ins Nostalgie-Fenster treten dürfte. Das ist der böse Zwilling vom Electro-Clash, bekannt geworden durch Artists wie Salem und Crystal Castles. Und auch auf diesem Album zünden die muddy Sample-Collagen. Gemischt mit dem Groove moderneren Hip Hops, sei es ein luftiger Rage-Knock auf "Playlist" oder den Electronica auf Songs wie "Tell Me What You're Missing". Mink nimmt die experimentellen Sounds der letzten fünfzehn Jahre und macht sie catchy. Das ist eine ordentliche Leistung.
Und es hitten auch einfach genug Songs zwischendrin: "Like A Virgin" ballert absolut, "Essex Girls ." macht fast so etwas wie New Romantics-Energie. "Wrong Relief" klingt so düster und bedrängend, wie kaum ein Mainstream-Rapper es je anfassen würde. Der Siebenminüter "Fire & Ice" macht dunklen Ambient mit Spoken Word-Gast und klingt wie Evil Frank Ocean.
"Terrified ." ist ein Album, das du nicht einfach in die RapCaviar-Playlist schmeißen könntest. Der Sound ist düster und experimentell, der Kerl klingt identifizierbar nach moderner Rap-Weirdness. Die Uncs werden es nicht mögen. Aber "Terrified ." beweist, dass Fakemink tatsächlich mehr als genug musikalische Ideen hat, mehr als genug Quality-Material, um ein Album zu machen, das all den Vorschusslorbeeren gerecht wird. Wird der der nächste große Superstar? Es wäre ziemlich crazy, wenn. In jedem Fall ist er aber ein Artist, der sich lohnt.


5 Kommentare mit 22 Antworten
Öhm... was ist ein "Unc"?
Noun
unc (plural uncs)
(genomics) A phenotype of Caenorhabditis elegans that moves in an uncoordinated manner.
Example:
"Unc animals do not move in the normal sinusoidal pattern of wildtype animals."
https://de.wikipedia.org/wiki/Caenorhabdit…
Das ist also Musik, die Fadenwürmer nicht mögen werden. Wieder was gelernt, danke Gleep!
Der Begriff „unc“ ist die Abkürzung für das englische Wort uncle (Onkel) und hat sich in der heutigen Jugend- und Social-Media-Sprache als viraler Slang-Begriff durchgesetzt. Der Begriff wird von der Generation Z und der Generation Alpha humorvoll genutzt, um ältere Personen zu beschreiben
Beste Grüße, Smäsh Mauff
^ this!
Daniel Caesar z.B. wäre so ein netter Onkel. Oder Stephan Weidner.
Spricht man das "Ank" aus??
Wenn wir schon über die Etymologie dieses Wortes sprechen, dann muss auch erwähnt werden, dass das Wort aus dem AAVE kommt (african american vernacular english), wie viele Modewörter der letzten Jahre.
Dieser Yannik geht auf die 30 zu und ihr erzählt was von "Jugendsprache". Ne, sorry... Gleep's Antwort klingt realistischer.
Finde es tbh etwas befremdlich, wenn ein schwäbisches Weißbrot von Uncs und YNs schreibt,
Uncs wird von jedem und überall benutzt. Ist auf einer Stufe mit „Aura" was das angeht. Also verstehe die Aussage nicht ganz
Dass das mittlerweile von allen und jedem und deiner Mutter genutzt wird finde ich auch etwas befremdlich, wie zuvor bei pickme, lit, woke, no cap, low key/high key, trippin, drip, bet, bae und zahlreichen anderen Termini, teilweise auch noch mit falscher Bedeutung. Das ist halt die Sprache einer marginalisierten und unterdrückten Minderheit, mensch sollte sich mindestens dessen bewusst sein und vllt auch eher darauf verzichten diese Wörter alltäglich zu verwenden…
Die gates müssen gekeept werden.
Was hat das mit gatekeeping zu tun? Du kannst sowieso nicht teil der black community in den USA werden, es gibt kein Gate, das gekeeped werden könnte.
Und du kannst nicht bestimmen, ob die black community bestimmte Begriffe gerne für sich haben möchte oder nicht?
Jetzt mal ernster und ausführlicher kann man da sicherlich positive und verbindende Aspekte sehen, wenn Menschen ein (z.T.) gemeinsames kulturelles Lexikon. Man kann da abet sicherlich auch problematische Aspekte finden.
Ich frage mich nur, wie fruchtbar und erfolgsversprechend es denn ist, zu versuchen etwas zu unterbinden, was letztlich ein extrem zentraler Aspekt unseres Menschseins ist: Das Aufnehmen, Imitieren, Replizieren und Neuformen von Kultur. Das ist ja keine Nebensache unseres Seins und in vieler Hinsicht auch nachweisbar ein oft ziemlich unbewusster und intuitiver Prozess. Was halt noch einmal dadurch verstärkt wird, dass diese sprachlichen Prozesse hauptsächlich von Teenagern bestimmt werden, für die das Signalisieren der Zugehörigkeit zu einer gewünschten In-Group zumeist eh die viel stärkere Droge ist als irgendeine kritische Reflexion. In seinen Grundzügen lassen sich solche Prozesse eh nicht aufhalten. Die Frage ist also nur, ob irgendetwas dadurch gewonnen wird, wenn wir hier als Kulturreplizierer relativ später Stufe und dazu entscheiden, das Spiel nicht mitzuspielen. Und das sehe ganz ehrlich nur sehr bedingt.
Ich bekomme mit, was Menschen aus dieser Community davon halten, und viele sind not amused. Ist natürlich keine große Sache, und ich sehe durchaus auch die positiven Aspekte, die du beschreibst, aber finde es schon wichtig zu erwähnen, dass das eine problematische Seite hat und vor allem, woher das Wort stammt, damit das nicht vergessen wird. Bei anderen Fällen, insbesondere bei „woke“, sieht es dann wieder anders aus.
Was hat das mit gatekeeping zu tun?
Ich würde sagen, in beiden Fällen, also beim Fernhalten neuer Einflüsse auf ein Genre und dem von dir angestrebten exklusiven Sprachgebrauch, geht es um das Anstreben einer kulturellen Homogenität.
Die Motivationen, aus denen das in beiden Fällen geschieht, mag sehr verschieden sein, die Zielsetzung ist aber zumindest stark ähnlich.
Ansonsten stimme ich mit Gleep ziemlich überein.
„Ich bekomme mit, was Menschen aus dieser Community davon halten“
Ich auch. Und das ist keineswegs einheitlich.
Das stimmt allerdings, auch unter den vielen, die not amused sind gibt es viele Abstufungen. Und natürlich finden es auch viele gut und vielen ist es egal.
Die Mutter von Hiteek, die CAPS weiter oben ganz leichtfüßig anspricht, ist ebenfalls eine Minderheit. Gibt glaub ich nicht viele Menschen, die von sich sagen können: "Hiteek ist mein Kind". Ob sie unterdrückt wird, weiß ich nicht, ich kanns aber auch nicht ausschließen.
Auf einer ernsteren Note haben Gleep und Gueldi schon viel richtiges gesagt. Ich hab mich über die Jahre an Yannik's Schreibstil (inklusive der unnessecary Anglizismen) gewöhnt und finde, dass diese eine eigene Note in seine Texte reinbringen. Die oben aufgeführten englischen Worte find ich da nicht so schlimm. Das "Unc" an der Stelle find ich aber trotzdem unverständlich (vielleicht ist das Wort da auch falsch eingesetzt - warum darf man die Musik von Fakemink nicht mögen, wenn man alt ist?), deswegen hab ich nachgefragt. Das ist mir aber lieber als wenn der Autor sich in seiner Wortwahl zu sehr einschränken muss und der Text sich dann wie ein Aufsatz aus der Mittelstufe liest.
Ich kann in der Zusammenhang sehr den langen Essay „Ethik der Appropriation“ von Jens Balzer empfehlen.
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/e…
Marsimoto macht jetzt in UK weiter?
"Terrified ."
Das Leerzeichen, o Gott
Ich fühle mich so...ähh...verdammt, hätte ich doch nur das passende Adjektiv parat!
Sehr gutes Album auch wenn mich der mix manchmal stört
Hmpf. Ich bin ja wohl unc af und muss sagen: hab jetzt in die ersten 5 Tracks reingelauscht und finde das spontan alles ziemlich geil.
Würde auf Vinyl kaufen, aber diese missratene Gen Z streamt ja nur noch
Gibt's auf Vinyl. Heute angekommen.