laut.de-Kritik
Queerness-Mucke im Discord-Zeitalter.
Review von Yannik GölzIst es falsch, Leuten sofort ein Hyperpop-Label unterschieben zu wollen, nur weil ihre Musik offensichtlich terminally online ist? Obwohl Femtanyl mit ihrem Digital Hardcore-Mashup-Sound ziemlich klar in den traditionellen Electronica zu verorten sind - irgendwie gehören sie doch zu der wachsenden Sparte Super-Online-Producer-Superstars. Ninajirachi, Frost Children, irgendwie auch Leute wie Jane Remover: Irgendwie haben der Digicore und der Hyperpop doch einen neuen Typus Auteur-Producer produziert, der auch gerne einmal auf Vocal-Duty im Vordergrund steht.
Das kanadische Duo Femtanyl trägt definitiv zu dieser Entwicklung bei. Denn seine frühe Musik hatte Mut zum Gimmick. Mit Musik, die besonderen Anklang in der Furry-Community findet, Screamo-Vocals choppt und auch sonst diesen wunderbaren Sparkle von Monster Energy-Dosen an sich trägt, fanden doch die ersten Songs vor allem Anklang durch Extravaganz. Und das nicht zu unrecht: Tracks wie "Girl Hell 1999" oder "Katamari" sind in ihrer Weirdness amtliche Banger. Es ist Queerness-Mucke im Discord-Zeitalter.
Nun stellt sich aber die Frage: Was bleibt von Femtanyl, wenn man die Weirdness ein bisschen zurückrollt? Ist da musikalisches Fundament darunter? Oder ist der Schockfaktor das tragende Gebälk?
Ihr Debütalbum "Man Bites Dog" (mit OG Keemos Projekt weder verwandt noch verschwägert) stellt sich dieser Frage. Und Tatsache: Day-Ones finden diese neue Iteration der Band zu glatt. Nicht nur macht die etwas weniger exzentrische Verwendung von Gimmicks den Gesamteindruck etwas homogener und die Tracks haben es schwerer, sofort im Kopf zu bleiben. Darüber hinaus werden Einflüsse etwas deutlicher spürbar, und man hört hier und da doch deutlich den Machine Girl-Worship heraus.
Gegenfrage: Ist all das per se etwas Schlechtes? Ja, die Tracks auf "Man Bites Dog" sind weniger wahrscheinlich, auf TikTok viral zu gehen. Aber dafür zeigen Femtanyl, dass sie definitiv das nötige Talent haben, auf reiner musikalischen Leistung zu bleiben.
Die Tracks hier werden stärker, je mehr sie grooven. Und das Tape packt ein paar wirklich unwiderstehliche Grooves aus. "Sick Of It" hat einen unglaublichen Step, "Head Up" bringt die am wenigsten vollgestellten Drum-Arrangements mit und klingt dementsprechend am meisten in Zwiesprache mit dem Jungle und dem Drum'n'Bass der Briten, der dieser Mucke ein sorgenvoll auf die Zukunft guckender Großvater ist.
Mein persönlicher Favorit ist der Closer "Is This It", der klingt, als hätte man einen 2012-Edgelord-Dubstep Artist wie Knife Party gezwungen, einen Yellow Magic Orchestra-Song zu schreiben. Generell: Diese grundsätzliche Ästhetik derjenigen Musiker, deren Musik besonders gern für YouTube-Intro-Collagen von Call of Duty-Kanälen benutzt wurde, macht definitiv so etwas wie das musikalische Fundament und die Klangfarbe dieses Albums. Es sind die Nuancen und die darunterliegenden Atmosphären, die die Musik ins Gegenwärtige holen.
Ist "Man Bites Dog" also der chaotische Triumphzug des heißen neuen Dings? Nicht unbedingt. Besonders für die Antihaltung der Band ist es gewissermaßen ein Rückschritt. Es ist eine Rückeingliederung in ein System, von dem sie nie angekündigt haben, es endgültig sprengen zu würden. Und kommt man einmal darauf klar, dass diese neue Generation an Electronica-Artists in diesem System geboren worden ist und damit arbeiten will, dann hat "Man Bites Dog" eine Menge sehr guter elektronischer Musik zu bieten.


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