laut.de-Kritik

Man hört die Möglichkeit einer besseren Platte.

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Früher waren Iceage die Art Band, bei der man nie sicher war, ob gleich ein Song, eine Schlägerei oder ein Kunsthochschulmanifest aus der Box springt. "New Brigade" und das Meisterwerk "You're Nothing" klangen wie nervöse Teenager, die im Kopenhagener Keller vergessen hatten, dass Rockmusik auch Publikum haben kann. Später wucherte alles: Country, Gospel, Hörner, Chanson, Nick Cave im Hafenbecken, The Pogues mit gebrochenem Nasenbein im Norma dinnierend, große Gesten unter noch größeren Schatten. Zur Wahrheit gehört: Das war alles immer recht sympathisch, wie Weiterentwicklung junger Begabter es nun mal ist, aber die luftigen Höhen der ersten beiden Alben erreichten die Dänen nimmermehr; im Gegenteil wurden die letzten beiden Alben der Band und insbesondere Sänger Rønnenfelts Output stetig weniger interessant.

"For Love Of Grace & The Hereafter" tut nun etwas, das auf dem Papier verdächtig nach Presseinfo-Klischee klingt: Es räumt auf. Die Dänen kehren an den Ort von "Plowing Into The Fields Of Love" zurück, ins schwedische Silence Studio, und spielen ein Album ein, das nicht wieder größer, schwärzer, barocker und komplexer werden will. Ohne Prunk, ohne Sargdeckel aus Samt, ohne Bläser, die jedes Loch im Gemäuer mit Bedeutung ausstopfen. Die Songs sind kürzer, die Gitarren heller, die Rhythmen beweglicher. Gleichzeitig klirrt es an ungewohnt vielen Ecken, mittels Handclaps und Glocken und allem, was sonst noch fröhlich Tollereien auf der Wiese untermalen könnte.

Nur dieser Mantel, er passt nicht so recht. Es riecht – dank Rønnenfelts Stimme und der Art, wie die Band in ihre Druckpassagen einsteigt – schon noch nach Iceage, aber man wird wie ein kratziges Etikett kaum los, was der Sänger zum Album der Presse sagte: Die ersten Lieder seien direkt nach dem letzten Soloalbum entstanden und da freue (man oder er?) sich, Raum für "more ferocious" Lieder gehabt zu haben. Er zieht offensichtlich keine geistige Linie zwischen Iceage- und Sololiedern. Das ist legitim, aber der Mantel muss dem Träger halt passen, und der hier zwickt.

Der Opener "Ember" macht sofort klar, dass hier niemand nostalgisch zum Lärm von 2011 zurückrudert. Das ist kein Frost, keine knochige No-Wave-Übung. Der Song stolpert kurz los, fängt sich, grinst schief und rennt dann eher in Richtung schmutziger College-Rock, frühe Strokes, Replacements mit Restalkohol und Weihrauch. Rønnenfelt singt zwar weiter wie ein gerade erwachter Penner auf einer Parkbank mit zwei Philosophie-PhDs, nur ist er nun dazu exzellent gelaunt. Auch die Band klingt erstaunlich leichtfüßig. Iceage versuchen krampfhaft, sich zu entkrampfen. Oder sie sind es authentisch – schön für sie.

Aber wer will das hören, wenn dabei Murks wie "Match Head Girl" herauskommt? Eine so aufgesetzte Fröhlichkeit erinnert an die Memes, bei denen peu à peu beim Rauszoomen auf die Person gerichtete Waffen sichtbar werden. Düdüdüdüdüdü trällert Rønnenfelt so selbstvergessen, dass selbst ein Yannis Philippakis sich angewidert abwände. Noch schlimmer: Der Song wirkt nicht einmal befreiend doof, sondern kalkuliert locker. Man hört eine Band, die unbedingt beweisen will, dass sie auch ohne Grabeskälte atmen kann, und dabei klingt, als habe jemand den Thermostat im Proberaum auf "sympathisch" gestellt. "Match Head Girl" will flirren, tänzeln, verzwergt sich dabei zu Indie-Pop mit schlechten Manieren und einem Sänger, der aus Gewohnheit noch dramatisch in jede Ecke blickt, obwohl dort längst nichts mehr brennt. Das Missverhältnis aus meist schon noch recht düsteren Lyrics und der fröhlichen Musik schafft keine Spannung, zu entkoppelt wirkt die Melange im Endprodukt.

Man merkt schon, was die Idee der einzelnen Songs ist: "The Weak" lässt Rockabilly, Surf-Bass und Postpunk ineinanderfließen. Rønnenfelt röhrt pflichtbewusst, aber unter der Oberfläche bleibt erschreckend wenig hängen. Iceage können diesen Sound im Schlaf, und genau so klingt es stellenweise auch. "No Fear" vereint Roadhouse-Gitarre, Country-Schlenker und Rønnenfelts halb andächtigen, halb zerschossenen Pathos, dessen Gesten exakt auf den Nanometer so ausfallen, wie man so im Songverlauf erwartet. Die Ideen sind nicht das Problem, sondern das Gefühl, als habe sich die Band bei der Umsetzung so unwohl gefühlt wie der Hörer beim Konsumieren.

"For Love Of Grace & The Hereafter" fällt knapper, songorientierter und zugänglicher aus. Man kann aber auch weniger freundlich sagen: Viele dieser Songs wären früher gute B-Seiten gewesen, und selbst dann hätte man sich gefragt, warum die Band sie nicht noch einmal gegen die Wand gefahren hat. Besonders fatal wird es dort, wo das Album spirituelle Schwere behauptet. Liebe, Gnade, Jenseits: Das sind natürlich dankbare Begriffe für eine Band, die immer schon zwischen Sakristei, Spelunke und Straßenschlacht pendelte. Nur klingen sie hier selten wie existenzielle Notwendigkeit, sondern oft wie Kulisse. "Holy Water" müsste eigentlich tropfen, brennen, läutern oder wenigstens schmutzig machen. Stattdessen poltert es an einem vorbei wie ein Song, der seinen eigenen Titel für bedeutender hält als seine drei Akkorde. Auch "Mother-Of-Pearl" findet nicht die Balance aus Elend und Glanz, sondern wirkt, als habe jemand das alte Iceage-Vokabular noch einmal über eine deutlich dünnere Skizze gestülpt.

Dass Rønnenfelt weiterhin eine der markantesten Stimmen seiner Generation besitzt, macht die Sache eher tragischer. Er kann aus fast jeder Zeile ein kleines Drama pressen, auch wenn die Zeile gar keines verdient. Auf "For Love Of Grace & The Hereafter" wird diese Fähigkeit zum Problem, weil sie viele Songs größer erscheinen lässt, als sie sind. Man hört ständig die Möglichkeit einer besseren Platte. Eine, die wirklich den Schmutz aus dem Solomaterial zieht, ihn mit Iceage-Druck kreuzt und daraus etwas Neues baut. Eine, die "Star" zweimal niedergeworfen und wiederaufgebaut hätte, statt einfach durchzurumpeln; die "Lifetime" nicht schmissig zum Mitsingen gemacht, sondern dem Track ständig Stöcke zwischen die Speichen geworfen hätte; die nicht zugelassen hätte, dass Sänger und Instrumente auf "Tender Blades" so fürchterlich ziellos einträchtig agieren, sondern sie in den Messernahkampf gezwungen hätte.

"For Love Of Grace & The Hereafter" hat kaum Fett, keine peinliche Pose, keinen dramatischen Überhang, der nur beweisen will, wie sehr hier jemand Kunst macht. Aber die großen Iceage-Platten lebten immer auch von der Möglichkeit des Misslingens. Das war eine gefährliche Band, die tolle, gefährliche Musik machte. Nun sind sie eine verkrampfte Band mit Meat Loaf-Lyrics, die harmlose Musik macht. Der alte Überbau aus Pathos, Lärm und Grandezza war manchmal lächerlich, aber er hatte Blut. "For Love Of Grace & The Hereafter" gerät so zum schlechtesten Album der Band und definitiv zum angenehmsten Iceage-Album. Ein Werk, das die Band von unnötigem Ballast befreit, bis das Loch im Rubbellos den Tisch sichtbar macht. Eine Platte, die vermutlich niemandem weh tut, und genau das ist vielleicht das Schlimmste, was man über Iceage sagen kann.

Trackliste

  1. 1. Ember
  2. 2. Match Head Girl
  3. 3. The Weak
  4. 4. No Fear
  5. 5. Salve For Every Sore
  6. 6. Mother-Of-Pearl
  7. 7. Tender Blades
  8. 8. 1835
  9. 9. Star
  10. 10. Lifetime
  11. 11. Holy Water
  12. 12. True Blue

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