laut.de-Kritik
Die schnelle Zunge aus Montego Bay ist zurück.
Review von Philipp KauseQueen Ifrica fackelt nicht lange. Als an einem Sommermittag 2017 ein Mitglied der Band Dub Inc dringend ins Krankenhaus muss und ein schwäbisches Festival einen neuen Headliner für denselben Abend sucht, lässt sich Ifrica nicht lange bitten. An einen Auftritt in der Schweiz hängt sie flugs gegen 22:30 Uhr einen Flug von Zürich ins Nachbarland an, nach Mitternacht feuert sie ihre Energie über ein Maisfeld der Ortschaft Burtenbach, über das gerade auch noch ein schweres Gewitter hereingebrochen war. Andere hätten sich diesen Stress wohl kaum gegeben. Sie hingegen ist immer für einen "Breath Of Life" gut. Lässig in "Pelican", "sipping on a lemonade", bounzend in "Raggamuffin Style".
Ein Drittel des Longplayers ist Caribbean-Pop, diese beiden Tracks zählen dazu. Der "Lebenshauch" kommt 2026 in Form eingängiger Melodien, präziser Worte, resonanzreicher Bässe, bombenfester Vocals und der Ifrica-eigenen Mischung aus Melancholie und Weltverbesserungs-Schwung daher. Trotzdem sieht es aus, als lasse die Songwriterin aus Montego Bay, Jamaika, es ruhig angehen.
Als soziales Gewissen des Dancehall trat sie 2009 in einer Zeit auf die großen Bühnen, als angeberische maskuline Gesten, das Slackness-Schmuddel-Image und kaum weibliche Artists die Szenerie prägten. Im Geschäft ist sie aber schon seit über 30 Jahren, in denen sie lediglich zwei Album rausbrachte. Wie auch bei Kollegen wie Buju Banton, Wayne Wonder und Romain Virgo führte der Weg Queen Ifricas von ihrer Entdeckung 1995 bis zu ihrem Debüt 2009 über den Penthouse-Label-Producer und Inhaber Donovan Germain. Den langen Weg ebneten ihr um die 50 Beteiligungen an Riddim-EPs verschiedenster Labels, so machte sie sich einen Namen, denn ihren las man Mitte der 2000er fast jeden Monat auf einem neuen Riddim.
Nach fast einem Jahrzehnt Funkstille meldet sie sich zurück, einer Dekade, in der sie unter anderem versuchte, ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten. Das scheint nicht ganz einfach zu werden. Ihr Vater, den sie erst spät als solchen kennen lernte, soll sie vergewaltigt haben, behauptete sie auf Instagram. Ihr Song "Daddy" vom Debütalbum handele davon. Daraus stammt die Zeile, "die langen Zeiten, die ich unter der Dusche verbringe, waschen die Erinnerungen nicht aus dem Weg", und darin kristallisiert sich ganz typisch ihre Art zu texten. Sie ist eine wichtige, vorbildhafte Angreiferin, eine, die in ihren Worten nicht locker lässt. Der 86-jährige "Daddy" Derrick Morgan, der nicht irgendwer für die Musikgeschichte ist, sondern der Miterfinder von Rocksteady und einer, zu dem viele aufschauen, weist die Tat vehement von sich, ließ eine Verleumdungsklage einreichen. Im Dezember 2026 soll ein Gericht zu einer Einschätzung kommen.
Für die Rechte der Frauen machte sie sich öfter schon stark: Etwa, als sie den Sexismus, der nicht nur in Dancehall-Lyrics, sondern auch auf Events herrscht(e), öffentlich machte. K.O.-Tropfen inklusive. 2010 war das: "Every disc jock, and every artist, media houses, we notice you love support the slackness / How so much alcohol in our parties? While the girls a broke-out / and the something wha she drink knock her out / Now she doesn't care, where they prop her up." - Sowohl auf der direkten wie auch auf der metaphorischen Seite fiel sie schon früh als starkes Talent auf. Ihre Rolle als Mutter besingt sie in "Mom Like Me". Ihr jüngster Sohn ist nun 14, ihr ältester hat selber vor knapp zwei Jahren sein eigenes Debütalbum vorgelegt. Nun wendet sie sich nach einer langen Erziehungszeit wieder dem Entertainment zu. Ihren musikalisch aktiven Sohn und ihre ebenfalls singende Tochter hat sie im glanzvollen "New Version Of Me ft. Imeru Tafari + Tanzie" gleich mitgebracht. Wie die drei einander die Bälle zuwerfen, flutscht super. Drei sehr expressive Stimmen wetteifern miteinander auf einem attraktiv gebauten Beat.
Neben diesem Family-Tune hat das digitale Album einige Knaller: "Lanton (Lantern)" ist ein melodiös eingekleideter Ragga-Titel mit schnellem Zungenschlag, Spiritualität und der Funktion sich selbst in dunklen Zeiten gut zuzureden und eine Lichtquelle zu finden. Das fluffige "Speechless" in R'n'B-Vibe, die symbolische Geschichtsaufarbeitung zwischen Afrika vor 500 Jahren und der Karibik heute in Form des Midtempo-Roots-Songs "Weeping Willow". Einschlägige Themen - Marihuana und Meditation ("My Highgrade") und Gott und seine Kräfte im Alltag - "Excellent Jah" - grooven auf elegant arrangiertem Ragga-Roots-Sound.
Gospelgleiche Harmonien und vehemente Drums bilden ein routiniertes Gerüst. Nebenbei hin geschleudert wirkt diese Platte trotzdem nie, eher wird man dem Spruch "you can change the world with love" aus dem Song "Change The World" gerecht und geht das Ganze mit Liebe zum Detail an. Produziert hat IAmNuRush, der wiederum musikalisch aktive Eltern hat (Produzent, Background-Sängerin), deren berufliche Höhepunkte wohl zur selben Zeit lagen, als Queen Ifrica entdeckt wurde; er könnte ihr Sohn sein. Biographische Details hält er einstweilen geheim.
Das Album erscheint im Streaming übers Tuff Gong-Netzwerk, das sich inzwischen neben einem Satelliten-Radio für Roots-Reggae, dem Bob Marley-Merch inklusive Bergamott-Ingwer-Cognac-Parfum und Marley-Enkelin Sharon um das einzige (On-Demand-) Presswerk der Karibikinsel kümmert. Dass es über diese wichtige Instanz gelang, Queen Ifrica wieder ins Rampenlicht zurück zu holen, ist nicht nur für sie wichtig, sondern symbolisch auch für all die anderen Artists, die Consciousness zum Programm gemacht haben, und es ist ein willkommener Anlass auch ihre vielen alten guten Songs wie "Lioness On The Rise", "Medical Marijuana", "That's How It Is Sometime" etc. neu zu entdecken.


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