laut.de-Kritik
Fade Bar-Beschallung in den Fußstapfen legendärer Erneuerer.
Review von Philipp KauseDen späten Sechzigern verdanken wir neben vielen anderen Musikstilen auch Fusionjazz, Psychedelic und Prog. An deren Entwicklung waren maßgeblich Soft Machine beteiligt. Berühmtestes Mitglied der Engländer war Robert Wyatt, der als Mitgründer dort kurzzeitig trommelte. Phasenweise gehörten live Kevin Ayers und Andy Summers von The Police zur weichen Maschine, auf Platten finden sich zudem im Lauf der Zeit Karl Jenkins (Adiemus), Piano-Promi Keith Tippett und einmal Jack Bruce von Cream. Die Band existiert noch, hat aber kaum etwas mit ihren Wurzeln zu tun. Die Doppel-LP "Thirteen" führt Wyatts Nach-Nachfolger Asaf Sirkis ein, der auch mit komponiert.
Fusion kommt in vielen Ohren als unstrukturiertes, beinahe zielloses Gegniedel an, das, was manchmal 'zappaesk' genannt wird. Anders als Frank Zappa, der eine oft warme Grundstimmung, Soul-Anteile und Gesang mitliefert, pflegen Soft Machine eine kantige, unterkühlte und bisweilen akademisch abstrakte Art, ihre Stücke zu arrangieren. Sie erweitern mitunter den Horizont.
Besonders hörenswert ist das, wenn sie mit den Instrumenten eine Geräuschkulisse zeichnen wie im Intro zu "Seven Hours". In manchen Momenten wirkt das sich aufbäumende Klang-Ungetüm wie die Tonspur zu einem Film, der an einem Flughafen spielt und zu einer wilden Kakophonie kulminiert. Manch anderes wie das dreizehnminütige "The Longest Night", formal wie eine Klassik-Suite aufgebaut, eiert brav vor sich hin oder klingt wie ein Training, wie viel Luft jemand in ein Saxophon blasen kann, ohne zwischendurch einzuatmen, wie bei "Green Books".
Derweil wirken die Tracks aber wie Bar-Beschallung einer Vernissage, wo die Musik nicht stören, aber irgendwie Kunstanspruch haben soll. Kunst, deren Daseinszweck in der Beiläufigkeit und Unauffälligkeit besteht, finden die einen genau richtig. Andere sehen sie als Bankrott-Erklärung. Es ereignet sich nichts Berichtenswertes, es gibt nur Gesäusel und Getröte, welches unser aller Mozart- und McCartney-geprägtes und westliches Harmonieverständnis herausfordern und mit betonter Dissonanz konterkarieren soll. Das war damals in den Ursprungstagen dieser Band etwas ganz Revolutionäres und sogar von indischem Raga inspiriert, mit dem Vermächtnis zu provozieren - heute hingegen ist es ein alter Hut, Modell Schlapphut, den das Quartett schwächelnden Klangfiguren überzieht.
Gitarrist John Etheridge war zwar seit dem achten Album "Softs" 1976 mit geraumen Unterbrechungen dabei, allerdings stieg der frühere Hauptkomponist Mike Ratledge kurz vorher aus. Etheridge kennt die große Zeit der Band gar nicht so recht. Er ist bereits Teil der Besetzung aus dem rumpfartigen Aufrechterhalten der Combo, die seither viele vermeintlichen Erfrischungskuren erfahren, aber nicht mehr zu bahnbrechenden Taten gefunden hat. Wie nüchtern und skizzenhaft John Etheridge selbst spielt, lässt sich in "Pens To The Foal Mode" gut heraus hören, dem struppigsten Stück der Platte. "Daevid's Special Cuppa" ist eine trantütige und auf der Stelle tapsende Reminiszenz ans lange verstorbene, ehemalige Gründungsmitglied Daevid Allen (der nie auf einem Soft Machine-Album zu hören war). Trotz der atmosphärischen Duduk-Holzflöte aus Armenien fehlt dem ätherischen Stück der Kick.
Die meisten Tracks auf "Thirteen" haben irgendwo den ein oder anderen interessanten Ansatz, aber nichts Stringentes, sondern ziehen sich - ob 2:43 Minuten oder 13:05 Minuten oder irgendwas dazwischen - seicht in die Länge. Selten gelingt etwas Aussagekräftiges. In "Turmoil" beeindruckt Polyrhythmik in Verbindung mit maschinenartigen Distortion-Tönen, die dem Bandnamen ein bisschen Ehre erweisen und wie eine Fiebertraum-Vertonung wirken. "Time Station" ist der einzige Tune der LP, bei dem ich als Querflöten- und Saxophon-Fan Theo Travis' Spiel mal halbwegs spannend und nicht völlig cheesy, erratisch, langweilig, nervtötend oder willkürlich finde.
Allzu oft fühlt man sich an Wyatts Ausstiegsgründe im Jahre 1971 erinnert: Vocals würden das Ganze aufwerten und eine Geschichte zu erzählen helfen. So, rein instrumental wie hier, stehen die Kompositionen unverbunden nebeneinander und erzeugen selten eine produktive Stimmung oder wenigstens den Effekt, dass man sich darunter irgend etwas vorstellen kann. Und Free-Jazz ohne Psychedelic-Rock sind keine wirklichen Soft Machine. Schön ist auch die Abmischung nicht, die Distanz und Kälte signalisiert und schrille Höhentöne in den Vordergrund schiebt. "Thirteen" ist ein mathematisches Album mit der Spontaneität eines Schachturniers und lässt einen teilnahmslos zurück.


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