laut.de-Kritik
Die Blaupause einer Untergrund-Generation.
Review von David Maciej LaskowskiIn den frühen 2010ern fand ein regelrechter Paradigmenwechsel im Hip Hop statt. Mit dem Aufkommen von Rappern wie Lil B etablierten sich Rapper, die man 15 Jahre zuvor höchstwahrscheinlich aus der Szene gedisst hätte. Auf einmal füllte sich das Game mit Gestalten, die auf den ersten Blick aus normativer Sicht keine guten Skills besaßen oder deren Soundqualität oft zu wünschen übrig ließ.
Wie man allerdings schon aus den düsteren Tagen DIY-angefertigter Memphis-Tapes aus den 90ern weiß, ist weder gute Produktionsqualität noch große Lyrik von Nöten, um Zuspruch zu finden. So ist es kaum überraschend, dass ein ganz bestimmter Künstler Anfang der 2010er sich den Klang der alten Tape-Meister aneignete, neu interpretierte und damit bis heute die Richtung eines nicht insignifikanten Teiles des Untergrunds lenkt: Markese Money Rolle, besser bekannt als SpaceGhostPurrp.
Geprägt durch zahlreiche Rap-Kassetten, die zuhause rumlagen, und durch seine Mutter, die angeblich zusammen mit Bone Thugs-N-Harmony im Studio saß, begann er schon im Kindes- und Jugendalter zu rappen und eigene Musik zu produzieren. Mit dem Erwachsenwerden verfolgte er aber auch Interessen, mit denen er bei seinen Peers in der Hood nicht unbedingt gut ankam. So skatete er, hörte neben Rap auch Rock und Metal, kleidete sich im Gegensatz zu den anderen gothic und lackierte sich sogar seine Nägel schwarz. Nachdem er 2008 das Kollektiv Raider Klan gründete und 2010 das ebenfalls sehr erwähnenswerte Debüt-Projekt "NASA: The Mixtape" veröffentlichte, droppte er ein Jahr später eines seiner wichtigsten Werke: "Blackland Radio 66.6".
Zu Beginn stelle ich klar: Dieses Album wirkt unfertig. Das liegt an der rudimentären Lo-Fi-Soundqualität, mit der dieses Tape produziert wurde, gleichwohl die Produktionsverhältnisse dieses Werkes wahrscheinlich nicht die besten waren oder diese Soundqualität schlichtweg gewollt war, um eine bestimmte Ästhetik, in diesem Falle die der alten Memphis-Tapes, zu verkörpern. Vermutlich ist es sogar eine Mischung aus beidem, und am Ende macht die Qualität irgendwo den Charme von diesem Mixtape aus.
"Project Pat should be coming back to slap them in they mouth / In they house, bring the 90s back to the fucking south", heißt es im Track "Mac Named Purrp". Zum Vergleich: während Purrps Kollege Lil Ugly Mane neun Monate später mit seinem bahnbrechenden Album "Mista Thug Isolation" den Approach eingeht, den Memphis-Rap "von der verschlackten, unsauberen DIY-Qualität" - wie Mirco Leier es beschrieb - zu befreien und ihn obendrein mit einem neuen Level lyrischer und raptechnischer Raffinesse anzureichern, gibt sich SpaceGhostPurrp mit wesentlich simpleren, zum Teil gefreestyleten Texten zufrieden und verbleibt in der schmutzigen Lo-Fi-Soundwelt.
Man stelle sich vor, wie das Trap-Genre vor Purrp aussah mit seinen Gucci Manes, Young Jeezys, T.I.s und Soulja Boys. Die Musik spiegelte textlich einerseits die harte Drogenticker-Realität der Trapper wider, klang jedoch vom Soundbild her eher weniger düster. Es grenzte teilweise schon an Party-Mukke, so feierlich wie diese Rapper mit ihrem Lifestyle protzten. Purrps Texte in Kombination mit der düsteren Beatproduktion, die er mit Ausnahme zweier Songs auf dem Mixtape selbst in die Hand nimmt, erinnern dann doch wieder an alte Memphis-Tapes.
Was für Three 6 Mafia das dunkle, von Kriminalität und Tod geprägte Memphis der 90er war, ist Carol City in Miami für Purrp. "Ain't life hard / When your ass broke / Can't get a job / So you try to sell coke", rappt er in "Been Fweago" auf einem trippigen, mit Ogun-Synth-Pads ausgestatteten Beat. Wenn man den finsteren Memphis-Rap als Vorreiter des modernen Trap-Genres ansieht, könnte man dementsprechend meinen, dass SpaceGhostPurrp hier back to the roots geht. Doch hört man bei diesem Mixtape, dass er bei weitem nicht einfach nur nachahmt.
Die schmutzige und minimalistische Produktion von Purrps Vorgängern bleibt vorhanden, doch vermischt er diese mit moderneren Trap-Einflüssen und erschafft dadurch einen ganz eigenen Sound. Dieser klingt wie eine schaurige Interpretation des zu der Zeit noch nicht allzu bekannten Cloud Raps, aber auch wie ein Prototyp paar Jahre später aufkommender Subgenres wie Dark Trap oder Emo Rap. In diese Kategorien lassen sich Artists wie die $uicideboy$, Bones, Freddie Dredd, Night Lovell, Pouya, Ghostemane, oder Purrps eigene Raider-Kollegen Black Kray, Xavier Wulf oder Chris Travis sowie viele weitere Untergrund-Namen einordnen. Sie alle wurden vom Memphis-Revival der frühen 2010er geprägt, das auch auf SpaceGhostPurrp zurückzuführen ist. Nicht umsonst assoziiert man ihn und dieses Mixtape mit der Etablierung des "Phonk"-Begriffs, der heutzutage für viel mehr steht als nur ein Synonym des Memphis Rap.
Purrps Sound mag auf diesem Mixtape zwar Memphis-inspiriert sein, doch im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die es sich zur Routine machten, ganze Vocal-Passagen oder Tracks gegenseitig voneinander zu samplen, referiert Purrp eher selten direkt von seinen Vorbildern. Wenn doch, dann aber mit Schmackes. Prägnantestes Beispiel: "Pheel Tha Phonk 1990". Dieser Song bedient sich am Three-6-Mafia-Beat von "Late Night Tip" aus dem Jahre 1996, einer Zeit, in der die Gruppe nach dem Erfolg ihres Debüt-Albums "Mystic Stylez" eine erhebliche Steigerung ihrer Soundqualität erfuhr.
Was macht Purrp nun aus diesem Beat? Er zieht ihn zurück in seine Lo-Fi-Gosse, berappt den Beat mit einem der smoothesten Flows überhaupt und claimt das alles sowas von für sich. Er macht das Memphis-Revival zur Chefsache: "I am the n**** with the phonk." Der Geist der Hauptstadt Tennessees begleitet Purrp auf Schritt und Tritt, so auch im von Purrp produzierten "Son of Sam", wo Purrp das Rappen J.K. The Reaper überlässt und im total rauschinduzierten Wahnsinn des Outros "Now I'm High, Really High" von Three 6 Mafia im Hintergrund spielt.
Das sind die einzigen, wirklich offensichtlichen Samples aus dem Memphis Rap, denn Purrp verziert seine Produktionen auch mit Markenzeichen, die seinen Beats ihren eigenen Charakter verleihen. Es ziehen sich ein bestimmter Whistle-Sound, Gebrüll aus alten "Godzilla"-Filmen und Soundeffekte aus den alten "Mortal-Kombat"-Spielen wie ein roter Faden durch das ganze Tape. Purrps Obsession mit dem blutigen Beat 'em up findet schließlich in "Get Yah Head Bust" ihren Höhepunkt, wo Purrp aus dem dritten Teil der Spielereihe sampelt und choppt, um einen mystischen Vibe zu erzeugen.
Beats wie dieser oder auch die Beats von "Take Dat Dick", "Captain Planet", "Osiris Of The East" oder "Tha Power" besitzen alle einen Vibe, der sich anfühlt, als wäre man gefangen im tiefen Dschungel. Möglicherweise handelt es sich um eine subtile Anlehnung an den Großstadtdschungel seiner Heimat, um die harschen Bedingungen Carol Citys im Schatten des sonst so sonnigen Miamis widerzuspiegeln. Das Album klingt wie ein verfluchter Alptraum und halluzinogener Wohlfühltraum zugleich.
Besonders chillig wird es mit den beiden Songs "1991 Thowed" und "Tha Real". Ersterer kommt wieder mit so einem smoothen Flow und einem förmlich in Codein ersaufenden Beat. Alles wird runtergepitcht und es entsteht ein Song den DJ Screw kaum besser hätte machen können. "Tha Real" funktioniert auf ähnliche Art und Weise, smoother Flow von Purrp, diesmal aber ohne Runterpitchen, stattdessen mit dem entspannenden Beat von "Tha Muthaphukkin Real", auf dem einst Eazy-E und MC Ren performten.
Dann gäbe es auch Tracks wie das Intro "Possessed", "Fuck Taylor Gang (Not A Diss We Are Just Not Dickriders)", "Suck A Dick For 2011", oder "Mac Named Purrp", die mehr in die Fresse gehen. Unter diesen mehr nach vorne gehenden Songs befindet sich auch die beste Nummer des Mixtapes: "Underground". Wenn der Untergrund eine Hymne bekommen soll, dann auf jeden Fall diesen Song. Der auf einem epischen Rockoper-Sample basierende Beat wird mit Purrps markanten Soundeffekten und nach Laserstrahlen klingenden Synthesizern komplettiert.
Das "Space" in SpaceGhostPurrp wird hier so deutlich wie nirgendwo sonst auf dem Mixtape, nicht nur wegen dem Beat, denn seine Außenseiterrolle wird besonders hier ersichtlich: Er distanziert sich von seinen aufstrebenden Zeitgenossen ("This no J. Cole, Rock'n'Roll, this that Raider shit") und hebt sich auch von all denen aus seiner Umgebung ab, die ihn für seinen eigenen Style und seine eigenen Interessen ausgrenzen: "That's why I wear all black / If I ain't a Raider, bitch, then what do you call that?"
Dieses Mixtape war wichtig für die Zukunft des Undergrounds und noch so viel mehr. Die bereits genannten Künstler aus dem Cloud Rap, Dark Trap und Emo Rap sind nur die Spitze des Eisbergs. Auch Denzel Currys frühe Musik war ebenfalls von SpaceGhostPurrp inspiriert, was ihm auch einen Platz im Raider Klan verschaffte. Selbst Jahre nachdem sich beide zerstritten, bestätigte Curry wiederholt, dass "Blackland Radio 66.6" eine neue Bewegung im Untergrund prägte. Die Wiederbelebung des "Phonk" führte ab den 2010ern zu einem neuen Aufblühen des Memphis Rap und zu einer Diversifizierung, die das Genre noch nie erlebte. Ende der 2010er entstand mit dem "Drift"-Genre etwas, das auch im Mainstream, besonders auf sozialen Netzwerken Fuß fasste, wobei Phonk-Puristen diesen Sound berechtigterweise eher unter EDM einordnen würden.
Die frühe Musik und der Style des New Yorker A$AP Mobs, allen voran A$AP Rocky, wurde stark durch SpaceGhostPurrp und sein Mixtape geprägt. "Blackland Radio 66.6" führte dazu, dass Rocky Purrp für einige Zeit zu sich nach New York holte, um zusammen Musik zu machen. Soundcloud-Veteranen wie XXXTentacion, Lil Yachty, Lil Uzi Vert oder Smokepurrp waren ebenfalls Fans von Purrps Musik, und noch heute gibt es viele Artists auf Soundcloud, die basierend auf Purrp und seinem legendären Mixtape den Sound stetig weiterentwickeln. Erwähnenswert wäre aber noch Playboi Carti, der auf "Music" "Fuck Taylor Gang" für den Song "Crank" sampelte. Faszinierend, wenn man bedenkt, dass Carti, der ursprünglich ein Fan war, eines Tages "Fuck SpaceGhostPurrp" auf der Bühne schrie, um sich die Gunst des A$AP Mobs zu erkaufen, nachdem dieser sich mit Purrp zerstritt.
Denn hier liegt auch das Problem, warum SpaceGhostPurrp trotz seines immensen Einflusses auf die Rap-Szene nie den Erfolg genoss, den er eigentlich verdient hätte. Sein Beef mit dem A$AP Mob, aber auch mit Leuten aus seinem eigenen Camp, verbannte Purrp regelrecht in ein Underground-Exil. Heutzutage macht Purrp mehr mit psychotischen Crashouts als Musik auf sich aufmerksam, andersherum erweckt er oft den Eindruck, als wäre ihm sein Platz im Untergrund lieber als wirklich erfolgreich mit seiner Musik zu sein. Bis heute bleibt er eines der größten What-If-Szenarien der Rap-Geschichte.
Nichtsdestotrotz muss man SpaceGhostPurrp dafür danken, was er mit diesem Mixtape im Untergrund bewegte und wie sich das mit neuen spannenden Künstlern und Musikrichtungen weiterentwickelte, sowohl im Untergrund als auch darüber hinaus."Blackland Radio 66.6" ist die Blaupause einer ganzen Untergrund-Generation, das Epizentrum eines Bebens, das bis heute seine Spuren in der Szene hinterlässt.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


1 Kommentar mit 2 Antworten
Ich liiiebe oldschool wie Revival Memphis-Rap, schade das "Phonk" heute aus unerfindlichen Gründen nur noch Cowbells auf House Beats bedeutet. Macht eben auch keiner mehr was neues. Komplett tote Geschichte.
"Unerfindlich" nicht unbedingt. Als dieser "Drift Phonk" Anfang des Jahrzehnts richtig populär wurde, haben Streaminganbieter wie Spotify den Sound so richtig mit "Phonk"-Playlists hochgepuscht. Diese Playlists enthielten aber kaum bis gar keinen klassischen Phonk und viele der Laien, die durch diese Playlists ersten Kontakt mit Phonk hatten, haben letzten Endes nur "Drift" gehört und sich nie mit den Classics oder der History auseinandergesetzt.
Gegen fette Cowbell-Beats hab ich per se nichts, aber hinter Phonk und Memphis Rap steckt ja obviously mehr als nur bissl distortetes Cowbell-Gedüdel. Kann den Frust nachvollziehen.
Schleich Dich, Schwachkowski.