laut.de-Kritik

Wie man Freiheit vertont.

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Peter Frampton lotete mehrere Schattierungen der englischen Adaption amerikanischer Klangfarben aus, war aber auch Pionier der ersten UK-Psychedelic-Welle. Nach einiger Band-Erfahrung und mit Country-Folkrock, Blues und Singer/Songwriter-Stil im Gepäck sattelte er phasenweise auf Liebes-Schmachtfetzen um. Obschon er mit Softpop seine kommerziell größten Würfe droppte, wurde der heimliche Hit seiner späten Jahre ausgerechnet ein Soundgarden-Cover, "Black Hole Sun". Den Grunge-Klassiker und insgesamt dritten Sonnen-Song seiner Karriere performte er allerdings nur live. Von der Sonne geht es jetzt folgerichtig ins Licht. "Carry The Light" zeigt auf dem Cover ein erleuchtetes Männchen mit der Last einer Glühbirne auf dem Rücken.

Die Platte rückt zwar noch einmal ins rechte Licht, wie zart und nuanciert Peter Kenneth Frampton singen kann, und bringt seine Stimme zum Strahlen. Allerdings ist ihr einendes Band die glühende E-Gitarre in allen Schattierungen. Man könnte von einer 'Glühtarre' sprechen. Derweil ist das Singen wohl schon lange nicht mehr Peters Hauptinteresse, falls es das überhaupt jemals war. Feuer und Flamme war er immer für die Welt der Saiten, von der Gretsch Duo Jet seiner Anfänge bis zur legendär gewordenen und vielmals modifizierten schwarzen Gibson Les Paul, die ein Fan ihm 1970 schenkte und der Frampton mit Seymour Duncan-Tonabnehmern diese Palette entlockt - saftig, sägend, kitzelnd, kuschelig. Dem Gitarrenspiel räumte er in den letzten Jahren sogar ein Instrumental-Album ein.

Ähnlich, wie wir es jüngst auch für Neil Diamond feststellen mussten, sagt er damit einer schleichend fortschreitenden Krankheit den Kampf an, die sich durch viel Aktivität eindämmen lässt. Frampton hat eine unheilbare, chronische entzündliche Muskelerkrankung unklarer Ursache, die bei den meisten Betroffenen zunächst die Sehnen der Finger schwächt. Etwas Schlimmeres kann einem wahren Gitarren-Freak, der mit sieben Jahren das Instrument erlernte und dessen Leben seit sieben Jahrzehnten um die sechs Saiten kreist, wohl kaum widerfahren. In einem Interview mit dem Rolling Stone während seiner Abschieds-Tournee vor gut drei Jahren gab der Musiker an, durch sein tägliches Üben schaffe er das schon noch ganz gut, die Gitarre zu beherrschen. Er musste jedoch seine letzten Shows im Sitzen abhalten, da er seine Fußgelenke nicht mehr unter Kontrolle habe.

Da liegt die Suche nach dem Licht am Horizont nahe, und sie geht gut aus: "Carry The Light" ist ein bisschen wie der Pink Floyd-Hit "Shine On You Crazy Diamond", sozusagen mit Flutlicht strahlende Musik, und das auf Albumlänge mit einigen gut ausgewählten Persönlichkeiten. Tom Morello von Rage Against The Machine duelliert sich mit dem 76-jährigen Frampton an der Gitarre und wirft auch ein paar Worte dazwischen. Sheryl Crow geht auf "Breaking The Mold ft. Sheryl Crow" ein Duett mit Mister "Show Me The Way" ein. Funkrock- und Prince-Fan H.E.R. aus Kalifornien lässt ihren eigenen Schmuse-R'n'B mal beiseite und greift beim Instrumental "Islamorada ft. H.E.R." herzhaft, feurig und funkelnd in die elektrisch verstärkten Saiten.

Das Setting für das ganze Werk wirkt pfiffig. Frampton hat kein lyrisches Thema. Er ruft keines auf und muss daher auch keinem krampfhaft folgen. Man kann ihn so interpretieren: Es geht ihm freestyle-mäßig um das, was man mit Gitarren so alles treiben kann. Verschiedenes, wofür er stand, blitzt wieder auf: Fusion-Jazzrock wie auf seiner 2006er-CD "Fingerprints" gehört da genauso dazu - gespiegelt im neuen und ein bisschen geheimnisvollen "Can You Take Me There" - wie eben elegische Instrumentals, entsprechend seiner letzten Scheibe "Frampton Forgets The Words": Auch "At The End Of The Day" ist eines.

Das messerscharfe "Tinderbox" lebt von der Entfaltung des Zupfens und Gniedelns, brilliert als origineller und perfekter Progressive-Blues im Stile von "All Blues" mit Spuren von Orgel, Saxophon (Jazzer Bill Evans) und trickreicher Schlagzeug-Arbeit.

Freilich fließt von Framptons Vielfalt nur ein Bruchteil ein. Ob er sich mehr auf Rock'n'Roll verlegte oder für ein Ballett komponierte, da gäbe es theoretisch weitere Verzweigungen. Doch "Carry The Light" hält der Singer/Songwriter kompakt und zielstrebig, und es mutet ein bisschen so an, als wolle er mit einem über alle Kritik erhabenen Werk seine Karriere abschließen. Einem, das ihn nicht mit einem Genre verbindet, aber als Virtuosen an der Elektrischen im kollektiven Gedächtnis festhält. Als wolle er eine Zusammenfassung von allem vorlegen, was er übers Komponieren in seinem autodidaktischen Tun gelernt hat. Ähnlich George Harrison beweist Peter Frampton dieses Mal ein untrügliches Gespür für vielschichtige Harmonien, die sich nicht abnutzen wollen. Ich habe das Album stundenlang in Dauerschleife gehört und fand es gar nicht mal allzu eingängig, aber durch die immer eine Spur untypischen Akkordfolgen bezaubernd schön. Frampton biegt hier zwar gern immer wieder ein paar Takte lang in gängige Melodie-Patterns ein, dann bricht er aber auch jedes Mal aus ihnen aus - und emanzipiert sich somit von kurzen Phasen, in denen alles mal für vier Takte nach Santana oder für acht Takte nach Genesis klingt.

Es gibt sowieso ein anderes Vorbild, und hier haben wir die nächste Parallele zwischen dem Spätwerk Neil Diamonds und nun Peter: Um Tom Petty posthum zu würdigen, fragte Frampton bei dessen Keyboarder Benmont Tench an, und der zog auch mit ihm ins Studio. "Buried Treasure" war der Name einer Radio-Show, die Petty anderthalb Jahrzehnte moderierte, quasi als "the last DJ who plays what he wants to play and says what he wants to say". Alle anderen Wörter außer "Buried Treasure" bilden in diesem Liedtext wiederum ein Lego aus Songtiteln von Petty-Nummern. Beispiel: "Too much ain't enough / the wild one, forever / You and I will meet again, two gunslingers." Auf sowas muss man erst mal kommen!

Im Kontrast zum gedämpften und irgendwie niedlichen "Can You Take Me There" tragen das schroffere "Lions At The Gate ft. Tom Morello" mit rauen Riffs, jenes lässig stompende "Buried Treasure ft. Benmont Tench" und das schwungvolle, neon-pop-bluesige "I Can't Let It Be" auf ihre jeweilige Weise zur Klischeefreiheit der LP und zu den Überraschungsmomenten bei. "Breaking The Mold ft. Sheryl Crow" erinnert mit dem Flair von Westcoast- und Southern-Rock in edelster Tonqualität (wirklich toller Raumklang, charismatische Abmischung) an den Film "Almost Famous". Für ihn hatte Peter Frampton sich dem Regisseur Cameron Crowe als musikalischer Berater zur Verfügung gestellt, um einen Soundtrack zu bauen, der typische Zeitgeist-Momente im Anfang der 1970er Jahre angesiedelten Film-Plot einfängt und eine imaginäre Band namens Stillwater eigene Songs zum Besten geben lässt. Lange nach dieser unerhältlich gebliebenen Musik ist es jetzt umso schöner, dass Sheryl etwas Gleichwertiges mit Peter aufnimmt und ihn vielleicht als Katalysator dafür inspirierte.

Bei "I'm Sorry Elle ft. Graham Nash" bestechen die Harmony-Vocals zusammen mit dem legendären Woodstock-Graham Nash. Es macht klangästhetisch auch viel her, weil man jeden Ton von jedem beteiligten Instrument einzeln heraushören kann und die Lautstärken-Dynamik lebendig ist. Weil der Song wie ein Jojo schwingt und damit das Gegenteil von Synthetik und Programming darstellt. Dem Ansatz Framptons, sein Lieblingsinstrument zu ehren, trägt dieses transparente Töne-Aufbereiten auch Rechnung.

Die Scheibe ist definitiv unverzichtbar. Sie setzt einen Standard dafür, wie man Freiheit vertont und sein eigenes Ding durchzieht. Was kann es Attraktiveres geben? Und dann pflegt sie durchweg einen Sound, der in Mark und Bein fährt. Produziert haben sie Framptons Sohn Julian und Knopfler-Tontechniker Chuck Ainlay. Wenn wir Fotos beurteilen, tun wir uns oft leichter zu sagen, 'ach, das ist ein geniales Bild, das schaut gut aus, das muss man liken'. Bei Musik spricht man darüber nicht ganz so oft. Frampton beweist sich hier quasi als Meister des gut gewählten Motivs und Winkels, seine Musik 'schaut' irgendwie gut aus.

Trackliste

  1. 1. Carry The Light
  2. 2. Buried Treasure ft. Benmont Tench
  3. 3. I'm Sorry Elle ft. Graham Nash
  4. 4. Breaking The Mold ft. Sheryl Crow
  5. 5. I Can't Let It Be
  6. 6. Lions At The Gate ft. Tom Morello
  7. 7. Islamorada ft. H.E.R.
  8. 8. Can You Take Me There
  9. 9. Tinderbox
  10. 10. At The End Of The Day

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