laut.de-Kritik

Golden Era des R'n'B ins Jahr 2026 geholt.

Review von

Ganz ehrlich, als ich der Review für dieses Album zugesagt habe, hatte ich lediglich die Tracklist gelesen und den großartigen Track mit Clipse gehört. Nach dem ersten kompletten Hören erstmal die Ernüchterung: Das Album scheint doch klassischer, als im ersten Moment angenommen, meinen ersten Eindruck prägt ein solides, aber eher unspektakuläres R'n'B-Album mit starkem Pop-Einschlag. Doch nach mehreren Durchläufen entwickelt sich die selbstbetitelte Platte von Kehlani zu einem waschechten Grower.

Bisher hangelte sich die Sängerin in ihrer Karriere stilsicher an einer Grenze zwischen Pop und alternativem R'n'B entlang. Auf der einen Seite eindeutige Pop-Einflüsse und Hits mit Stars wie Justin Bieber, Ty Dolla Sign, Cardi B oder auf dem Suicide Squad-Soundtrack, auf der anderen Seite modern-jazzige Soultunes mit Jill Scott, Thundercat oder BJ The Chicago Kid. Auf dem neuen Album verschwimmen die Grenzen deutlich und sie wendet sich noch mehr den ganz großen Gesten zu.

Das passt auch zum Bild der gereiften Künstlerin, das sie mit der Veröffentlichung zeichnet. Schluss mit Experimenten, hin zu einem kommerzielleren Sound, der trotzdem auf allen Ebenen funktioniert und nicht nach Sellout klingt. Auf den Mainstream schielte sie schon immer, aber nun braucht sie keine Kompromisse oder kulturelle Legitimation in Form von kredibilen Features mehr. Sie gibt die bisherige Zweigleisigkeit aus Mainstream und kontemporärem Sound auf und vereint beide Seiten miteinander.

Der Weg dahin bescherte der US-Amerikanerin über die letzten zehn Jahre langsam aber stetig eine gefestigte Karriere. Kein Wunder, dass aus dieser Konsistenz die Single "Folded" entstanden ist, die ihr ihren ersten Grammy eingebracht hat. Der Track steht sinnbildlich für das ganze Album: Auf einem vibigen Beat mit frühem 00er Jahre Flavour singt Kehlani über eine gescheiterte schwierige Beziehung und ihren Umgang damit. Viel Herzschmerz, viel Gefühl. Soweit, so genre-typisch. Doch der Song und die gesamte Platte bleiben an diesem Punkt nicht stehen. Statt nur über toxische Liebe zu klagen, sucht "Folded" aktiv einen Ausweg aus dieser Beziehung und setzt Grenzen, sodass die Künstlerin gestärkt daraus hervorgehen kann.

Das größte Alleinstellungsmerkmal bleibt aber Kehlanis unverwechselbare Stimme, die mich noch am ehesten an Mariah Carey erinnert, in deren Katalog sich bekanntermaßen ebenfalls Welthits neben Tracks mit in der Hip Hop-Szene respektierten Rappern wie ODB, Busta Rhymes und Bone Thugs-N-Harmony finden. Da passt einiges zusammen, denn Kehlani bezieht sich in ihrer Musik seit jeher stark auf den Sound um die Jahrtausendwende, als Mariah Carey einige ihrer größten Erfolge hatte. Dass sich der allgemeine Trend in der Musikwelt gerade an dieser Zeit orientiert, spielt Kehlani vielleicht in die Karten, erklärt aber alleine nicht ihre langlebige Karriere und die Qualität des neuen Albums.

Auch die Features haben fast alle den erwähnten Zeitraum deutlich mitgeprägt. Lil Wayne gebührt auf "Anotha Lova" sogar die Ehre, nach dem gesprochenen Intro den allerersten Part des gesamten Albums zu haben. Das scheint eine bewusste Entscheidung zu sein, Weezy bereitet als Ikone der 00er Jahre die Bühne für Kehlani und gibt ihr damit die Credits, die sie verdient. Usher und Brandy versprühen auf "Shoulda Never" und "I Need You" ebenfalls heftige Nostalgie-Vibes, ohne aus der Zeit gefallen zu wirken. Gleiches gilt für "Back and Forth" mit Missy Elliott, ein Highlight des Longplayers als empowernde Hymne über eifersüchtige und besitzergreifende Männer. Kehlani holt sich die Meister ihrer Zeit auf die Songs, aber bleibt trotzdem die Hauptattraktion, selbst wenn T-Pain und Lil Jon uns ins Jahr 2005 snappen.

Erwähntes "No Such Thing" mit Clipse in Bestform als mein persönlicher Favorit gibt uns zwischen dem vielen Herzschmerz und dem Verarbeiten von Beziehungen einmal die volle Breite Good Life – gemeinsam genießen sie die Sonnenseite des Lebens und reiben ihr Glück auf einem sommerlich-treibenden Beat mit Jazzeinflüssen allen unter die Nase.

Die Beiträge der "aktuelleren" Künstler*innen Big Sean und Cardi B wirken wiederum recht unnötig und wie nachträglich hinten dran geklatscht. Lediglich Leon Thomas, der in seiner Musik einen ähnlichen Ansatz wie Kehlani verfolgt, fügt sich auf "Sweet Nuthins" entsprechend positiv in die LP ein. Der Song bewegt sich zwischen leeren Versprechungen und Hoffnung auf Versöhnung.

Ironischerweise bleiben ausgerechnet auf diesem selbstbetitelten Album am Ende vor allem die Feature-Songs in Erinnerung. Kehlani scheint die musikalische Herausforderung zu brauchen, um zu ihrer Höchstform zu finden. Von den Solo-Tracks bleibt neben "Folded" lediglich die Single "Out The Window" ernsthaft in Erinnerung, eine musikalische Referenz an Aaliyah, die auch im Video aufgegriffen wird und in der sich alles um die verzweifelte Rettung einer gescheiterten Beziehung dreht.

Auf ihrem mittlerweile neunten Album erscheint Kehlani so stilsicher wie nie zuvor und auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen. Der Sound klingt durchdacht und die Features sind zum größten Teil ideal gewählt. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass da noch mehr gegangen wäre. Das liegt vor allem an der stolzen Länge von 17 Songs. Die Highlights stechen deutlich heraus, aber hätte man auf zwei Gastbeiträge und ein paar zu generische Filler-Tunes verzichtet, hätte alles konzeptuell noch runder gewirkt.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Anotha Lova feat. Lil Wayne
  3. 3. No Such Thing feat. Clipse
  4. 4. Folded
  5. 5. I Need You feat. Brandy
  6. 6. Oooh
  7. 7. Back And Forth feat. Missy Elliott
  8. 8. Shoulda Never feat. Usher
  9. 9. You Got It
  10. 10. Out The Window
  11. 11. Still
  12. 12. Call Me Back feat. T-Pain & Lil Jon
  13. 13. Pocket feat. Cardi B
  14. 14. Lights On feat. Big Sean
  15. 15. Sweet Nuthins feat. Leon Thomas
  16. 16. Cruise Control
  17. 17. Unlearn

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Kehlani

Eine Verletzung kann eine Karriere beenden - und zugleich eine neue beginnen. Bestes Beispiel im kontemporären R&B: die Singer-Songwriterin Kehlani …

Noch keine Kommentare