laut.de-Kritik
Flow, Drive, Charisma wie in der Golden Era vor 35 Jahren.
Review von Philipp KauseMonie Love war in ihrer ersten Blüte Rapperin der sogenannten Golden Era und eine der bekanntesten Frauen in dieser Funktion. Ein Vierteljahrhundert nach ihren letzten Aufnahmen geht sie mit der Zeit. Und zwar so weit, wie es glaubwürdig bleibt. Ihre "Love Notes" versöhnen rumpelnden Late 80ies-Hardcore-Rap ("Mo' Skillz") und Boom-Bap, der klar durch die frühen 1990er-Jahre geprägt klingt (in "Cape Vinny") mit knackigen Y2K-Beats Marke Timbaland ("Jus We") und neueren Spielarten.
Monies ursprüngliche Heimat Süd-London bietet eine lebhafte Afrobeats- und Afroswing-Szene. So liegt ein Duett mit einer aufstrebenden Künstlerin aus diesen Kreisen nahe, der holländisch-ghanaischen, 35-jährigen Entertainerin Nana Fofie. Nicht von ungefähr infundieren weiche Soca-Dancehall-Grooves den Track "1ne People ft. Nana Fofie" - Nana steht bei der trinidadischen Talentförderin Nicki Minaj unter Vertrag, auf deren neuem eigenen Label Heavy On It. Afrobeats nutzen ja gerne karibische Elemente, hier funktioniert das sehr gut und mit kontemporärem Sounddesign, ebenso auch in den harten Clap-Bounce-Schlägen des Openers "Sho Luv", der seine Inspirationsquelle Drill nicht ganz verbergen kann, Major Lazer im Text würdigt und trotzdem auch die Atmosphäre von Monie Loves Debüt "Down To Earth" wieder einfängt und aufleben lässt. Monie hat jamaikanische Eltern und einen jamaikanischen Manager, Tony Tuff, hier auch stimmlich an Bord.
43 Jahre sind vergangen, seit es los ging, in "South London where my roots lay", wie sie in "Divine" an seiner Seite und mit Sky Zoo als weiterem Feature-Partner in Erinnerung ruft. Schon seit ihrem Durchbruch und bis heute lebt und arbeitet sie in den USA. Die Tochter eines Jazzmusikers machte nach "Down To Earth" noch eine Scheibe, "In A Word Or 2", auf dem sogar Prince zwei Songs koproduzierte. Trotz allem scheiterte die Künstlerin daran, ihre künstlerischen Vorstellungen in Vertragsverhandlungen für weitere Alben durchzusetzen, deren Demos zwar Ende der Neunziger an Radiostationen verschickt wurden, letztlich aber nie erschienen. Monie verschwand. Ausgerechnet eine der profiliertesten Texterinnen und Performerinnen ihrer Ära trat von der Bildfläche ab, weil sie keine zweite Lil 'Kim oder Foxy Brown werden wollte, keine Image-Persona, sondern eine Geschichtenerzählerin bleiben wollte. Viele andere verschwanden auch - Frauen vor allem und solche, die mit Substanz rappten. Miss Love erzählt gerne Stories, die sich ereignet haben, auch das meint sie mit Substanz und Message. "Atonement" ist so eine, behandelt die Fernbeziehung und Liebe zu einem Gefängnis-Insassen, wie Monie sie tatsächlich jahrelang erlebt hat. Die musikalische Ummantelung klingt atmosphärisch, dem Thema angemessen achtsam und interessant.
Ihre Stimme war weiterhin zu hören - am Radiomikrofon. Dass sie jetzt wieder Lieder aufnimmt, ist ein ähnlich großes Geschenk für Nineties-Nostalgiker:innen wie all die Releases von MC Lyte, Rakim oder De La Soul in jüngerer Zeit. Auf hohem Level gejammert, glänzt nicht jeder einzelne Ton produktionstechnisch, ohne dass sich Wolken in den Weg schieben. Die Stimme freilich, der Word-Flow, der Drive dieser Frau, die Ausstrahlung, die sind sofort wieder da. Monie war immer eine sehr präsente Stimme, aber paradoxer Weise ohne dass man ihre Dominanz merken würde.
Sie ergeht sich nicht in penetranten Wortwiederholungen, sondern sieht gerade das Poetry Slam-Artige des Rap, das schöpferisch-spielerische Jonglieren mit Silben, als ihre vorrangige Pflicht. "We rip the masses / we live the culture, yeah, so phoneys can't understand this", rappt sie - Heuchler könnten sich gar nichts darunter vorstellen, wie sie die Hip Hop-Realness-Kultur auslebt.
Dennoch, Kritikpunkte kann man schon anmerken, ohne dass es den Nimbus dieser Pionierin beschädigen würde. Beispiel: Man hätte deutlich mehr Bass rein mischen können. Interludes würden dabei helfen, die Feature-Gäste einzuordnen, für lustige Skits, die self-explanatory sind, müsste Monie als Radio-DJ eigentlich das Gespür haben. Die trocken unverbundenen Nummern decken zwar eine schöne Palette ab, reihen sich aber, wie auf dem Artwork suggeriert, wie zusammenhanglose Notizzettel nebeneinander. Und ein bisschen inhaltliches, verbales Pathos hätte weitaus mehr Strahlkraft als die musikgestalterische Melodramatik des heftig geigen- und celloverschmierten "Divine". Absicht dabei ist, dass der Song autobiographisch die Trauer über den Tod Verwandter von Tony Tuff und Sky Zoo verarbeitet.
Wie sich Monie in "Mo' Skillz" selbst zitiert, hat sie einst im November 1989 den Slogan "Ladies First" ausgegeben, an der Seite Queen Latifahs. Dummerweise wurden die Daten falsch an Apple Music übermittelt - dort tauchte eine Zeitlang nicht Simone als Songwriterin auf, sondern ein Mann namens Simon - peinlich in einer Hymne namens "Ladies First", die immerhin bis heute einiges symbolisches Gewicht in der Hip Hop-History hat. Gast-Singrapperin Amil Whitehead, die legendäre Stimme von Jay-Zs "Can I Get A... Hardknock Life", maunzt und flötet immer wieder "Ladies first, yes, yes!" - Die Beats hat DJ Premier für "Mo' Skillz" gebaut, auf Grundlage des 1977er-Cuts "Shadows" des Mysterious Flying Orchestra.
Die nächste Referenz heißt Chaka Khan, namentlich aufgerufen im Text des nostalgischen "Cape Vinny". In diesen Tune kann man sich so hineinfallen lassen wie ins aktuelle Jill Scott-Album, die Beats federn wie ein Trampolin. Man merkt hier leicht, bei wem Akua Naru heute ihre '90er-Quellen hat. "Cape Vinny" ist ein richtig klassischer Monie-Tune, ein toller Riddim, hat ein schönes Feeling, viel Elastizität, süße Effekte, eingängige Loops. All diese Merkmale fließen zusammen, und Monies souveräner Vortrag setzt den i-Punkt.


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