laut.de-Kritik

Neues Elektronik-Kapitel des "New Soul"-One Hit Wonders.

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Der Vorgänger von "Solaire", "Nightsongs", von Yael Naim war ein erfolgloses Album. Das räumt auch die Künstlerin selber sofort ein. Dabei hatte es als introspektiver Synth-Storyteller-Hybrid thematische Tiefe, verarbeitete den Tod von Yaels Vater. Die in Paris lebende Keyboarderin, Beat-Programmiererin und Singer/Songwriterin wuchs in Israel auf. In Frankreich landete sie beim Label tôt ou tard ('früher oder später'), dem sie anfangs enorm viel zurück gab. Ihr Hit "New Soul", der auch in der Werbung aufkreuzte, half dem Indie-Label, andere Nischenprojekte zu finanzieren. Bereits im Zuge der "Nightsongs" lebte man sich auseinander.

"Solaire" schüttelt deren Ruhe ab und greift die Elektronik der 2020er-LP auf. Naim begeisterte sich schon immer für Synthesizer, programmiert sie auch, liebt E-Piano-Sounds und hat mittlerweile zuhause einen Moog stehen. Sie entdeckte Soundeffekt-Libraries und Plug-Ins für sich und hat das puristische Folk-Ding, für das tôt ou tard steht, ausgelutscht. Mit dem neuen Schaffens-Kapitel geht auch die Trennung vom bisherigen Producer-Kollegen David Donatien einher.

Jetzt schnipst in "La Fille Pas Cool" der Computer statt der Mittelfinger, verfremdet Yael ihre Vocals in "Inouïe" Richtung Unschärfe, Verteilung und Autotune-verschobenen Sopran. In "What's In Your Soul" zerkaut sie ihre Stimme schon am Anfang, der Gesang gewinnt aber dann im Verlauf eines zehnminütigen Electro-Opus stellenweise in bezirzender Klarheit die Oberhand gegenüber den zittrigen Beats, Reverbs, Stromstößen und Klangflächen.

Zwei Tracks, "Wow" und "Multicolor", surfen auf indisch inspirierten Bhangra-Basslines. Es blubbert die Lounge-Elektronik in "The Other Side" und im Titelstück "Solaire", entfaltet sich hypnotischer Trip Hop-Soul im leuchtenden "Dream" und im wundervoll zauberhaften Silben-Feuerwerk "Blame" Downtempo-Synth-Nebel, steigt im meditativen "Rabbit Hole" auf und integriert noch Sprachnachrichten unter laszivem Gesang in "When We Go To Bed" - ein Stimmen-Gemälde, ein Mini-Hörspiel. Was von der alten Folkerin übrig bleibt, ist womöglich "Everything's Gone", wobei darin auch schon viel Overdubbing, Echos und Digitalisierung stecken.

Yael traktiert dieses Mal leichtere Themen, wobei die Lyrics einigermaßen alltäglich anmuten. Zehn Tracks sind auf Englisch, zwei hat sie in französischer Sprache getextet, und einer, "Blame", ist bilingual vermischt. Die ganz arg verdichtete Stimmung und das zusammen hängende Band, das sie in ihren "Nightsongs" wob, stellt sich dieses Mal zwar nicht dar. Die einzelnen Lieder stehen doch eher jedes für sich, und so ist "Solaire" nicht unbedingt ein Album-Meilenstein, aber trotzdem eine Weltklasse-Liedersammlung mit vielen schönen Momenten. Einziges Manko ist, dass die Platte ein bisschen distanziert bleibt, weil so viel Computerisierung darin steckt. In der Kategorie Elektronik ist das Album dann aber wiederum zu wenig revolutionär, um zu beeindrucken. Als pfiffig gemacht erweist sich "Solaire" aber allemal.

Einen ernsteren Hintergrund gibt es auch dieses Mal durchaus. Er heißt 7. Oktober 2023. Als Mensch mit Wurzeln im Nahen Osten, in Israel, fühlte sich Yael Naim von den distanzlosen Nachrichtenbildern und der entsetzlichen Gewaltspirale im Gazastreifen traumatisiert. Anders als bei Yasmine Hamdan, die als Libanesin ebenfalls in der französischen Hauptstadt lebt, reichte Yael das musikalische Ventil nicht aus, um mit der Thematik und der Machtlosigkeit gegenüber den brutalen Bildern fertig zu werden. Sie entschied sich, auch angesichts einer Midlife-Crisis (wie der Pressetext es nennt) für eine Psychotherapie, ließ sich behandeln.

Interessant ist jedenfalls, dass sie klangästhetisch an manchen Stellen bei ähnlichen Kunstgriffen und Stimmungen landet wie Yasmine auf ihrem letztjährigen Album "I Remember I Forget". Allerdings spricht Naim das politische Thema nicht direkt an und vermeidet, was naheliegend gewesen wäre, nämlich auf Hebräisch zu singen.

Beim Sound von "Solaire" Hand angelegt hat ein Toningenieur aus der Welt der Major-Label-Stars, die LP erscheint hingegen super-indie auf Yaels eigene Faust unter ihrer Marke Mouselephant in Kooperation mit einem mini-kleinen Pariser Vinyl-Press-Labelservice. Man hört "Solaire" an, dass die Sängerin selbst während der Entstehung gerne James Blake und Artverwandtes gehört hat. Und auch Fans von Morcheeba, 070 Shake, Moses Sumney und Oklou sei Naims neues Werk dringlich empfohlen.

Trackliste

  1. 1. Dream
  2. 2. Solaire
  3. 3. Wow
  4. 4. La Fille Pas Cool
  5. 5. Rabbit Hole
  6. 6. Multicolor
  7. 7. Blame
  8. 8. Everything's Gone
  9. 9. Inouïe
  10. 10. When We Go To Bed
  11. 11. The Other Side
  12. 12. What's In Your Soul
  13. 13. Free

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