Bei den 68. Grammy Awards wurde u.a. Billie Eilish geehrt. Viele Preisträger prangerten den Krieg von Trumps ICE gegen die eigene Bevölkerung an.

Los Angeles (phk) - Die Grammy-Verleihung in den USA entbehrte zwar Überraschungen hinsichtlich der Trophäen-Vergabe, war aber aus anderen Gründen sehenswert. Zum einen bekannten sich alle, die zu Wort kamen, politisch gegen die jüngsten Auswüchse des Trump-Regiments, einschließlich Epstein-Akten, Grönland-Expansion und ICE-Krieg gegen die eigene Bevölkerung.

Aufsehen erregten vor allem die Reden von Billie Eilish und Bad Bunny, den Gewinnern in den wichtigen Kategorien "Song des Jahres" und "Album des Jahres". Eilish, die wie viele andere Künstler schon auf dem Roten Teppich einen "ICE OUT"-Anstecker trug, bedankte sich artig für den Grammy für ihren Song "Wildflower". Wichtig sei ihr aber vor allem zu sagen: "Auf gestohlenem Land ist niemand illegal!"

Bad Bunny eröffnete seine Rede mit den Worten: "Bevor ich Gott danke, sage ich: ICE raus!" und rief dann in den aufbrandenen Jubel: "Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Außerirdischen, wir sind Menschen und wir sind Amerikaner."

Zum anderen schien der Respekt zwischen den Generationen mehr denn je durch die Versammelten hindurch. Ob nun lebende Legenden die Newcomer prämierten oder Newcomer ihre Vorbilder wertschätzten oder alle gemeinsam mancher Pop-Toten des Jahres 2025 gedachten: Das Geschichtliche stand als unsichtbare, aber spürbare Überschrift über der diesjährigen Gala.

Viele waren diverse Male nominiert und kamen doch kaum zum Zuge. Steht man in den Pop-Kategorien auf den Voting-Listen, fallen die Namen indes werbetauglich sehr oft während der Fernsehübertragung: So bekamen auch mehrmals leer ausgehende Artists wie der in Socken und Unterhosen performende Justin Bieber, Sabrina Carpenter oder Pink Pantheress ordentlich Credits.

Der Haupt-Abräumer heißt mit fünf Gold-Statuen Kendrick Lamar. Lamar fuhr mit seiner heterogenen Future-Retro-Mixtur "GNX" den Triumph beim besten Rap-Album ein. Ja, tatsächlich erschien das - durchaus regelkonform - schon 2024. Sein "TV Off" wurde als bester Rap-Song ausgezeichnet. An der besten Rap-Performance wirkte er mit, dem lebhaften, kraftvollen "Chains & Whips" von Clipse, Pusha T, Malice, Pharrell Williams und ihm.

Auch die Single des Jahres und sogenannte 'Best Melodic Rap Performance' gehen auf sein Konto: "Luther" zusammen mit SZA. Deren Dankesrede war einer der bewegendsten Momente: Sie habe nur einen kleinen Teil zu diesem Lied beigetragen, möchte aber die Gelegenheit nutzen, allen zu sagen, dass sie sich nicht kirre machen lassen sollten, von all den News, die einen Dritten Weltkrieg herauf beschwören, all der Dystopie und Social Media-Hysterie dieser Tage. Sie sprach beinahe in Lichtgeschwindigkeit, ein kurzer, aber effektiver Auftritt.

Doechii konnte sich unter den Rap-Artists trotz vieler einzelner Nominierungen 'nur' in der Kategorie 'Video' durchsetzen, mit "Anxiety". Sie eröffnete die Gala an der Seite von Queen Latifah, der sie ihre Hochachtung bekundete - ohne die Königin Dana Owens wäre sie, Doechii, jetzt nicht hier. Latifah, New Yorker Hip Hop-Urgestein, führte mit fester, charismatischer Stimme als Off-Voice durchs Programm und kündigte jeweils die Auftritte und Nominierten an, die man nach den Werbe-Breaks zu erwarten hatte.

Obschon der Abend sehr amerikanisch geprägt war, zählt mittlerweile - wohl als Gegenpol zu Trump - das Latino-Amerika und konkret die Musik zwischen Reggaeton und Latin-Trap präsenter zur TV-Show als der gute alte Country. Abräumer in den Segmenten 'Album des Jahres' (Genre-übergreifend), 'bestes Música Urbana-Album' und beste 'Global Music Performance', ist Bad Bunny, 31, aufgewachsen in Puerto Rico, wo er Videokunst studierte. Er war weltweit der meistgestreamte Spotify-Künstler der Jahre 2020 bis '22. Diese Woche wird er noch eine sehr große amerikanische Aufgabe übernehmen und in der Super Bowl-Halbzeitshow auftreten.

Geringfügiges Erstaunen dürften die Gewinne in den meisten Kategorien auslösen: Lady Gaga für "Mayhem" als bestes Pop-Gesangsalbum, bester Dance-Pop mit dem darauf enthaltenen "Abracadabra" und bester Remix mit Gesaffelsteins Version der selben Nummer.

FKA Twigs löste nicht nur Applaus der Musikjournaille aus, sondern verzeichnet nun - bei einigermaßen schwacher Konkurrenz - auch amtlich die beste Elektronik-Platte des letzten Jahres beim weltweit wichtigsten Musikpreis: "Eusexua".

Lola Young punktete mit "Messy" als Solistin, Billie Eilish sahnte mit "Wildflowers" ab und kann sich gleichzeitig rühmen, den Song des Jahres geschrieben und gesungen zu haben. Jelly Roll gewann zwei Mal in der Kategorie Country. Die wenig thematisierte Auszeichnung der besten Metal-Darbietung ging nicht so wirklich an eine typische Metal-Gruppe, sondern an Turnstile, die gleichzeitig fürs beste Rock-Album, "Never Enough", die Ehrung erhielten - allerdings nicht im Fernsehen, wo diese Kategorien gar nicht gezeigt werden.

Auch eher Randkategorien: Laufey lieferte den besten 'traditionellen Pop-Gesang', was immer das heißen mag, auf "A Matter Of Time".

Sie setzte sich beispielsweise gegen Barbra Streisands Duett-Album und gegen Elton John und Brandi Carlile auf deren pompösem "Who Believes In Angels?" durch.

Dass Mavis Staples bei 'American Roots' und bei 'Americana' mit einer Cover-LP abkassierte, zeigt, wie filigran in manchen Genres unterteilt wird. Für den Americana-Longplayer gibt es auch noch eine Kategorie, und hier gewann Jon Batiste, allerdings mit einer Soul-Blues-Jazz-Platte: "Big Money". Er setzte sich gegen Willie Nelson und Larkin Poes "Bloom" durch. 2022 hatte er einen Rekord an Statuen aufgestellt.

Der afrikanische Kontinent ist lediglich mit der Johannesburger Künstlerin Tyla vertreten, die Karibik mit Keznamdi. Den 34-jährigen Jamaikaner, der kurz vor Ablauf der Einreichfrist sein Album "Blxxd & Fyah" herausbrachte, hätte man zuletzt erwartet.

Jenseits üblicher Verdächtiger wie Cece Winans beim Gospel und einem "Buena Vista Social Club"-Musical bei Theater/Musical sticht dann doch eine neuere Stimme heraus, die auch bei uns im letzten Jahr Charts-Erfolge sammelte: Olivia Dean. Sie verwies mit zittriger Gestik auf die Migrationsgeschichte ihrer Familie und darauf, dass ihre Vorfahren ein Zeugnis von Tapferkeit abgelegt hätten, als sie nach Großbritannien eingewandert seien.

Die 26-jährige ist UK-Staatsbürgerin, kam in London zur Welt, arbeitete dort mit Rudimental und gilt spätestens seit ihrem Album "The Art Of Loving" als große Hoffnungsträgerin des Neo-Soul und für die Grammy-Jury beste Newcomerin. So neu ist sie aber eigentlich gar nicht.

Übertragen wurde die Verleihung auf YouTube von Associated Press und auf Magenta TV von der Telekom, Ausrichter dieser und der letzten 53 Fernseh-Präsentationen war die CBS, die diese Lizenz für nächstes Mal bereits verloren hat. Moderator Trevor Noah nutzte den Anlass seiner letzten Moderation launig für Galgenhumor und gewagte politische Spitzen. So erinnerte er an Lauryn Hills letztes Erscheinen bei den Grammys in den '90ern und an die damalige Zeit. P. Diddy habe damals Ärger mit der Justiz gehabt, der Präsident einen Sex-Skandal. Die Zeiten hätten sich ja drastisch geändert, formulierte er sarkastisch.

Der Vorsitzende der amerikanischen Plattenindustrie, Harvey Mason Jr., verwies auf den Stellenwert von Musik in unsicheren Zeiten. Rock sei ein Spiegel der Gesellschaft und ein Motor für Veränderung der Verhältnisse zum Besseren, Gospel und Soul seien Quellen der Hoffnung. Die Mischung der Musikstile bei den Grammys repräsentiere Diversität und setze damit ein Zeichen.

Die Grammys wurden zum 68. Mal verliehen. Eine der Kategorien, den besten Song, präsentierte Carole King, die nächste Woche 84 wird. Cher erhielt den Preis für ihr Lebenswerk und unkte, das sei besser jetzt als später, denn sie habe schlechte Gene und werde nicht mehr lange zu so einer Veranstaltung kommen können. Dass sie auch eine Statue überreichen sollte, vergaß sie im Trubel der Live-Sendung und wurde unter johlendem Applaus auf die Bühne zurück geholt.

Mit einem wunderschönen Medley erinnerte ein hochkarätiges All-Star-Set an jüngst Verstorbene des Soul wie D'Angelo und Roberta Flack. Chaka Khan wurde aus dem Off zugespielt und hielt eine kleine Lobrede auf Sly Stone. Der Boss, dessen "Lost Tracks"-Sieben-Album-Paket erwartungsgemäß als beste Box durchging, ehrte seinerseits Brian Wilson. Auch Ozzy Osbourne wurde in einer sehr schönen Form gewürdigt, als Post Malone, Slash, Chad Smith und Duff McKagan seinen Song "War Pigs" interpretierten:

Insgesamt stimmte die Veranstaltung nachdenklich, war erstaunlich Taylor Swift-frei und zeigte, dass die USA schwere Zeiten durchmachen und der Grammy relativ berechenbar, aber gerade in solchen Zeiten doch wichtig ist, um auf die Kraft der Pop-Branche und ihr politisches Gewicht hinzuweisen.

Fotos

Billie Eilish und Kendrick Lamar

Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello) Billie Eilish und Kendrick Lamar,  | © laut.de (Fotograf: Jordana Bello)

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